Hufwanddeformationen

So nenne ich sie einfach. Die Fachliteratur verwendet Begriffe wie "chronische Veränderungen der Hornkapsel" oder "pathologische Anomalien". Außerdem wird immer wieder versucht, diese Veränderungen bzw. Abweichungen vom regelmäßig geformten Huf zu kategorisieren, zu klassifizieren oder sonst wie einer Gruppe ähnlicher Hufe zuzuordnen, etwa Trachten-, Kronen- oder Sohlenzwanghufen, Platthufen, Vollhufen, Bockhufen, physiologischem und unphysiologischem Schiefhuf, es gibt etliche und je nach dem welchen Autor man liest sind sie anders definiert, Einigkeit gibt es nicht. Weiterhin bereitet die Kategorisierung Schwierigkeiten, denn meist tritt nicht nur eine Abweichung von der regelmäßigen Gestalt auf, sondern mehrere in mehr oder weniger starker Ausprägung. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit, will ich hier lediglich beispielhaft an einigen Hufen öfters zu beobachtende Auffälligkeiten aufzeigen, an deren Umkehr und Rückführung in Richtung des regelmäßigen Hufes gearbeitet werden sollte, denn wenn sie sich ungehindert weiter entwickeln entstehen daraus Probleme, die die Lauffähigkeit des Pferdes nachhaltig beeinflussen können.

hochgeschobener Kronsaum

Dieser Huf ist steil, was bedeutet, dass lange Trachten zu erwarten sind. Jedoch ist es nicht physiologisch, dass die Trachten fast ebenso lang sind wie die Zehen. Der Kronsaum steigt an der Zehe zu den Seitenwänden hin zunächst an, anstatt gleichmäßig abzufallen, und er ist im Trachtenbereich stark gebogen. Er verläuft nicht so, wie physiologisch vorgesehen von dorsal-proximal nach distal-palmar/plantar. Die Hufwand hat keinen knöchernen Ring über sich, an dem sie sich abstützen kann, sondern muss durch den Hufbeinträger nach unten transportiert werden. Schafft er das nicht, dann wächst die Hufwand nach oben, bzw. es wird Wandhorn oben abgesetzt ohne dass die Hornwand in diesem Bereich nach unten geschoben wird. Dass der Kronsaum hochgedrückt ist, zeigt sich auch daran, dass das Fell dort den Kronsaum nicht überdeckt, sondern absteht, weil die Haut über dem Kronsaum zusammengedrückt ist. Bemerkenswerterweise sind hier die Trachten nicht untergeschoben und die stoffwechselbedingten Ringe sind hier zum Kronsaum weitgehend parallel. Die Zehe ist leicht durchgebogen und schnabelt nach vorne weg.
Der Kronsaum kann an jeder Stelle des Hufes, auch im Seitenwand- oder Zehenbereich hochgeschoben sein, eben überall dort, wo durch die Hufform und den anatomischen Gegebenheiten der Hufbeinträger mit dem Wachsen des Hufes, bzw. mit dem Horntransport nach unten überfordert ist.

verbogene Hornwände

Die Hufwände sind sehr flach oder schräg. Dadurch neigen sie dazu nach unten hin immer flacher zu werden und sich durch zu biegen. Der Huf ist unten breiter als oben. Die Hornwand muss sich auf dem Weg vom Kronsaum zum Tragrand dehnen. Es kommt kein Horn hinzu, folglich wird sie auf dem Weg zum Tragrand dünner. Wenn sie sich dann im unteren Bereich auch noch durchbiegt, dann kann das Kitthorn, was die Hornröhrchen verklebt, diese dort nicht mehr im Verbund halten, und somit nimmt die Stabilität weiter ab. Außerdem ist der Hufbeinträger in Sohlennähe stark gedehnt. Der Knochen kann die Hufwand nicht mehr stützen. An diesem Huf ist zu sehen, dass er im Zehenbereich bereits reißt, es bilden sich Hornspalten.

verbogene Hornwände

Nicht nur an flachen Hufen, auch an steilwandigen Hufen treten verbogene oder taillierte Wände oder Wandabschnitte auf. Hier ist an einem linken Hinterhuf die Außenwand stark eingedellt. Die Innenseite ist fast gerade. Ferner zeigt dieser Huf ein starkes Wellenmuster seiner Stoffwechselringe. Diese Wellenform setzt sich bis hinauf zum Kronsaum fort, der, wenn man den Haaransatz betrachtet, im Bereich rechts und links der Zehe hochgeschoben ist. Dass auch in gerade diesem Bereicht rechts und links der Zehe Ausbrüche zu sehen sind, ist kein Zufall, dazu aber im anderen Kapitel mehr.

unphysiologische Wandrundung

Bei der Sohlenansicht dieses rechten Vorderhufes eines Ponys erkennt man, dass im Laufe der Zeit die ovale Form der Sohle und des Tragrandes verloren gegangen ist. Die Zehenwand ist zu gerade, zu wenig gekrümmt, im Übergang von Zehenwand zu Seitenwand ist die Hufwand zu stark gekrümmt, die Seitenwände (rot) sind entgegen ihrer physiologischen Form konkav gekrümmt, die Trachtenwände (blau) sind wiederum zu stark gekrümmt. Auf den ersten Blick meint man, die Hufwand hat an den Trachten Beulen nach außen und im Seitenwand Beulen nach innen. Wäre der Huf ein Schuh, würde man die Zehe als "modische Kareeform" bezeichnen. Diese Eindrücke täuschen nicht, sie sind richtig. Man vergegenwärtige sich dabei, dass die Hornwand am Kronsaum noch völlig gleichmäßig oval entsteht und sich erst auf dem Weg nach unten quasi in Falten legt. Es wechselt von einer Trachte über die Seitenwand zu Zehe und weiter zur anderen Trachte die Krümmung von zu stark, entgegen der ursprünglichen Form, zu stark, zu wenig, zu stark, entgegengesetzt nach zu stark gekrümmt. Derartigen unphysiologischen Verbiegungen ist die Hufwand bei nur wenigen Pferden gewachsen. Im Bereich der rot markierten Seitenwände zeigt der Tragrand Zerreißungen und Zusammenhangstrennungen. Kein Wunder, dass sich hier an der Außenseite des Hufes Ausbrüche bilden.

unphysiologische Wandrundung

Solche Phänomene treten oft auf, auch hier, wenngleich nicht so stark, dass sie bei der Betrachtung der Sohle auffallen, denn die Tragrandkante schleift sich beim Ablaufen rund und vertuscht so diese Deformationen. Bei diesem Huf schlägt der Kronsaum Wellen, die Stoffwechselringe schlagen Wellen, und der Lichteinfall bei diesem Foto lässt auch Wellen der gesamten Hornwand hervortreten. Sehen kann man solche Verformungen der Hornwand schlecht, fotografieren noch schlechter, aber sie lassen sich ertasten. Wenn Sie einen Huf aufnehmen zum Auskratzen, dann Fahren Sie einmal mit Handfläche und Fingern gleichzeitig über die Hufwand, wenn Sie sie nicht bei ihrem eigenen Pferd erfühlen, weil es sie vielleicht nicht hat, dann tasten Sie die Hufe von 3 Pferden ihrer Miteinsteller ab, und ich garantiere Ihnen, dass sie sich bei einigen Hufen ziemlich wundern.

krankheitsbedingte Ringe

Dieser Huf hat zwei sehr ausgeprägte tiefe Ringe ausgebildet. Die Ursache ist ein sehr großer Abszess gewesen, welcher am Kronsaum aufgebrochen ist, und eine 7cm breite Hornkluft hinterlassen hat. Dieser Huf ist seit mehreren Jahren insgesamt in einem desolaten Zustand. Er hat z.T. die Symptome eines chronischen Rehehufes. Er hat hinter der Zehe eine auf 2cm Breite gedehnte Blättchenschicht, die Hufwand trägt an der Zehe keine Last mehr, das Pferd läuft mit diesem Huf weitgehend auf der Sohle. Für Abszesse untypisch hat dieses Pferd nach dem Aufbruch des Abszesses noch 10Wochen gelahmt, was sich auch mit der Breite dieser Ringe deckt. Vermutlich (ich war nicht dabei) haben veränderte Belastung dieses Hufes durch starke Schmerzen und eine langwierige Entzündung großer Bereiche der Lederhäute dieses Auffällige Hornwachstum verursacht.

schiefer Ponyhuf

12.10.07:
Der linke Vorderhuf einer gestandenen Ponydame im Alter von 17 Jahren. In der dorsalen Ansicht meint man, sie setze den Huf lediglich schief auf, erst bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass die innere Hufwand übersteil ist, also hinter der Senkrechten steht. Von hinten (palmar) gesehen erkennt man dies deutlich.
Die soleare Ansicht ist besonders interessant. Um den Strahl herum zeigt sich ein relativ symmetrisches Sohlengewölbe, jedoch hat die Sohle an der Zehe medial versetzt einen unglaublich großen Auswuchs entwickelt, der offenbar einen großen Teil des Gewichtes trägt. Die Hufwand führt um diese verformte Sohle herum, die Blättchenschicht ist nirgendwo gedehnt sondern völlig schlank und frei von Auffälligkeiten. Sehr gerne würde ich das Hufbein dieses Hufes sehen, noch lieber würde ich es präparieren, wenn diese Ponydame einmal stirbt, aber ob ich das noch erlebe, die Mutter dieses Ponys ist Jahrgang 1971, erfreut sich bester Gesundheit und wird noch täglich geritten.

Huf mit Schnabelschuh

15.03.09:
Manchmal trifft man schon mal echte Sahnestückchen. Eine junge, ganz liebe Barhufbearbeiterin hat mich zu diesen beiden Ponys um Rat gefragt. Sie stehen als Rasenmäher bei einem Landwirt, der es wohl bei so kleinen Pferden nicht für erforderlich gehalten hat, sich regelmäßig um die Hufe zu kümmern, oder kümmern zu lassen. Somit haben sie seit zwei Jahren keinen Huffachmann mehr gesehen. Obwohl die junge Kollegin vor kurzem schon mal das gröbste beseitigt hat (Fotos vom ursprünglichen Zustand hat sie keine gemacht, deswegen hat sie von mir schon Ohrfeigen bekommen), ist noch deutlich zu sehen, wie der gesamte Huf nach vorn hinaus wächst und die Form komplett verlohren geht. Wenn niemand einschreitet, liefe das Pferd nicht mehr auf einem Tragrand, sondern auf den überlangen Trachten.

Ponyhuf mit seitlichem Schnabel

Das zweite Pony des Bauern, die beiden sind sich so ähnlich, sie könnten Geschwister sein, weiß aber keiner, Papiere gibt es nicht. Der Schnabelschuh bildet sich nicht immer. Wenn der Huf, im Bild der rechte Vorderhuf, so einseitig belastet wird, wie hier, kann es sein, dass sich die belastete Hälfte genügend abreibt, und dafür die unbelastete Hälfte verbiegt, und regelmäßig abbricht.
Dieses Pony hat an allen vier Hufen hohle Wände. Möglich, dass die hohlen Wände, die ja zum Wegbrechen neigen, hier schlimmeres verhindert haben. Die Situation ist eindeutig, die äußere, laterale Hufwand wird sehr, die mediale Wand kaum belastet. Die weniger belastete Hälfte biegt sich weg, das Horn wird zusammengestaucht und hochgeschoben.