Hornspalten

Unterschieden werden Tragrandspalten, die vom Tragrand ausgehen, Kronrandspalten, die vom Kronsaum ausgehen, und durchgehende Spalten, die die Hufwand komplett vom Tragrand bis zu Krone durchlaufen. Weiter unterscheidet man zwischen oberflächlichen Hornspalten, den irreführend sog. Windrissen, tiefen Hornspalten und durchdringenden Hornspalten, bei denen die Hufwand bis auf die Lederhaut durchtrennt ist. Grundsätzlich können Hornspalten in jedem Bereich der Hufwand auftreten, dennoch gibt es Bereiche, an denen sie bevorzugt auftreten, nämlich genau mittig auf der Zehe und vor den Trachten bzw. in der Seitenwand. Und wenn man sich die Hufwand in den betroffenen Bereichen anschaut, wird man sofort verstehen, welche Ursache diese Spalten haben. Sicher, es spielt auch die Qualität des Hornes bei der Entstehung der Spalten eine Rolle.

Tragrandspalten in der Seitenwand

Tragrandspalten in den Seitenwänden

Dieser arme Kerl hat Tragrandspalten auf beiden Seiten des Hufes. Blau marktiert sind die Knicke im Tragrand, die die Hufwand haben reißen lassen. Die Hornwand ist nicht in der Lage derartige Knicke zu verkraften.


Tragrandspalten in den Seitenwänden

Von unten sieht man, dass nicht erst die Hornspalten diese Knicke ermöglicht haben, die Sohlenform hat sich der Form der Hufwand bereits angepasst. Diese Veränderung hat Jahre gedauert. Irgendwann konnte die Hufwand dieser Verbiegung nicht mehr stand halten.


Tragrandspalten in den Seitenwänden

Ein ganz ähnliches Bild. Tragrandspalte in der Seitenwand, die Wellen im Kronsaum und in den Stoffwechselringen, besonders aber das Raspelbild machen deutlich, dass auch bei diesem Spalt die Hufwand nach innen gewölbt ist, bzw. vor dem Spalt und hinter dem Spalt zu stark gewölbt ist.


Tragrandspalten in den Seitenwänden

Ein weiterer Huf, ein ähnliches Bild. Die Anzeichen sind nicht ganz so deutlich, aber auch zeigt hier das Raspelbild, dass im Bereich des Spaltes kein Horn abgetragen wurde, weil er in einer Mulde der Hufwand liegt, die man mit einer gerade geformten Raspel nicht erreichen kann.

Tragrandspalten in den Seitenwänden

Mal wieder von vorne. Und wieder ist zu erkennen, dass die Hufwand im Bereich der Spalten entgegen ihrer eigentlichen Krümmung nach innen gewölbt ist. Auf der anderen Seite ist eine derartige Verformung nicht gegeben, dort gibt es auch keinen Spalt.

Nun stellt sich die Frage, wie kommt es dazu? � Wie kommt es, dass die Trachtenwand sich ausbeult, und warum bekommen dann nicht alle Hufe mit ausgebeulten Trachtenwänden auch Hornspalten? Um das vollständig zu beantworten, müsste man ein Buch schreiben. Einige Aspekte kann ich jedoch andeuten: Es ist ja nicht die Beule an sich Schuld an den Spalten, nicht einmal der Knick in der Hufwand. Wir erinnern uns. Das Hufbein ist ein fester, unelastischer Knochen, der den vorderen Bereich des Hufes stützt. Eine Bewegung durch den Hufmechanismus ist im Zehenbereich nur so weit möglich, wie es die Elastizität des Hufbeinträgers bzw. der Wandlederhaut zulässt. Je weiter ich die Hufwand nach hinten gehe, desto beweglicher wird sie. Zum einen wird im Inneren der Knochen zunehmend durch den weichen Hufknorpel abgelöst, zum anderen wird die Hufwand auch dünner. Misst sie bei einem Großpferd an der Zehe etwa 1cm Dicke, sind es an den Trachten nur noch wenige Millimeter. Ist der Huf im hinteren Bereich zu sehr belastet, verformt sich dort die Hufwand. Eine mögliche Ursachen von vielen sind z.B. eine zu lange Zehe, die durch zu wenig Abrieb entsteht, so dass der Huf zu flach wird. Haben die Trachten zu viel Last, ist häufig zu beobachten, dass sie unterschieben. Dann gibt es zwei Möglichkeiten, entweder rollen sie ein und quetschen den Strahl ein, oder sie legen sich glatt nach vorne, dabei beulen sie dann die Wand aus. In beiden Fällen wird jedoch die Krümmung der Wand stärker. Dabei tritt der Effekt ein, dass bei gleicher Wandstärke die Wand mit stärkerer Krümmung stabiler ist, als eine weniger gekrümmte. Einen Armreif aus Silber kann ich viel einfacher verformen oder zusammendrücken, als einen Fingerring mit gleicher Wandstärke. Der Hufmechanismus sorgt dafür, dass der Huf sich weitet, wenn er auf dem Boden steht und die Last des Pferdes trägt. Bei einem regelmäßig geformten Huf geschieht das völlig gleichmäßig von vorne nach hinten. Bei einer ausgebeulten oder anderweitig verformten Trachtenwand kann es sein, dass diese so steif ist, dass das eben nicht gleichmäßig passiert, sondern das elastische Weiten des Hufes genau zwischen der Steifen Zehenwand und der steifen Trachtenwand. Dann ist an dieser Stelle zu viel Bewegung, und es kommt zu Brüchen oder Rissen.



Tragrandspalten auf der Zehe

Tragrandspalte auf der Zehe

06.06.08:
Hier ist ein Huf mit einer Tragrandspalte auf der Zehe, bei genauerem Hinschauen sind es sogar mehrere Spalten in einem engen Bereich. Es handelt sich um den linken Vorderhuf eines vierjährigen Wallachs. Die mediale (innere) Hufwand ist deutlich steiler als die äußere. Die Hufwände sind tailliert bzw. durchgebogen und der Huf driftet insgesamt nach unten hin auseinander. Die "sog. Futterringe", hier aber Belastungsringe, zeigen an, dass die äußere Hufhälfte neben der Zehe sehr gestaucht ist, wogegen die innere Hufhälfte zwar auch gestaucht, jedoch vergleichsweise harmonisch gewachsen ist. Rechts und links der Zehe ist der Kronsaum hochgeschoben, und die Zehe selbst scheint, als habe die Hornwand hier keine Krümmung. Es sieht aus, als sei die Hornwand hier, genau mittig auf der Zehe gerade. Der Glanz, den das Blitzlicht des Fotoapparates erzeugt, scheint auf eine ebene, gerade Fläche zu treffen. Dem ist auch so. Was folgern wir daraus? Die innere, steilwandige Hufhälfte ist steif, sie ist doppelt gekrümmt und bildet eine, in der Mathematik sog. Sattelfläche, wie die Chipsletten von Pringles, die ja auch recht steif und stabil sind. Die äußere Hufhälfte macht das selbe, sie ist ebenfalls sehr steif und unbeweglich. Die Mitte der Zehe ist hingegen gerade, und damit biegsam. An speziell diesem Huf ist die Zehe der schwächste Bereich. Der Hufmechanismus, bzw. die Hufmechanik sorgt dafür, dass der Huf sich beim Auffußen und Last Aufnehmen weitet. Die steifen Seitenwände verformen sich nicht, somit treffen sich die Kräfte auf der verformbaren geraden Zehe. Diese aber ist damit überlastet, kann derartige Biegungen nicht aufnehmen und reißt.

Tragrandspalte auf der Zehe, Sohlenansicht

Die Sohlenansicht offenbart, wie sehr die Hufwand im Zehenbereich verformt ist. Die Hufwand ist rechts und links der Zehe viel zu sehr gekrümmt, an der Stelle des Risses hingegen hat man den Eindruck, als sei sie gerade, bzw. konkav, also entgegen ihrer eigentlichen Krümmung gekrümmt. Noch dazu ziehen die beiden dicken Bereiche rechts und links der Zehe das Horn dazwischen beim Abfußen auseinander. Wen wundert es da, dass das Horn reißt?

Tragrandspalte auf der Zehe

Ein Anderer Huf, ein ähnliches Bild. Dies ist ein rechter Vorderhuf. Der blau markierte Verlauf des Kronsaumes zeigt schon, welche Schwierigkeiten der Hufbeinträger damit hat, das Horn nach unten zu transportieren. Wieder zwei unterschiedliche Hufhälften mit einer steilen inneren Wand, an der das Horn stärker gestaucht ist (rechts im Bild) und einer weniger steilen äußeren Wand. Mittig auf der Zehe sind keinerlei Hornringe zu erkennen, die Zehenwand erscheint völlig glatt und gleichmäßig und zeigt wiederum keinerlei Krümmung. Da die Oberfläche strukturiert ist und gerade im Bereich der geraspelten Kerbe noch einzelne Hornröhrchen zu erkennen sind, gehe ich davon aus, dass sie tatsächlich nicht gekrümmt sondern gerade ist, und nicht nur gerade und eben geraspelt wurde. Rechts und links der Zehe ist der Tragrand stark ausgebrochen.

Tragrandspalte auf der Zehe, Sohlenansicht

Ich denke, die Ähnlichkeiten mit dem ersten Huf sind auffällig genug. Die Hufwand ist von unten betrachtet sehr dünn, was daran liegt, dass der Huf sich selbst durch die Ausbrüche schon zum Teil von den ungünstig auf die Hornwand einwirkenden Kräften befreit hat.

Tragrandspalte auf der Zehe

21.12.08:
Diesen zweiten Zehenhornspalt durfte ich betreuen. Hier die Fotos zu diesem Huf etwa sechs Monate später vor der fünften Bearbeitung. Fotos mache ich immer vor der Bearbeitung, hinterher sieht der Huf immer schöner aus.
Betrachten wir uns den Huf erneut. Auffällig ist, dass der Huf schlanker geworden ist und nicht mehr nach unten so breit wird. Der Verlauf des Saumhorns ist gleichmäßiger geworden. Die Ausbrüche am Tragrand gibt es nicht mehr. All das zusammen genommen ermöglicht es dem Huf, seinen Hornspalt langsam heraus wachsen zu lassen. Noch ist er da, aber er klafft nicht mehr so weit auseinander und geht nicht mehr so hoch.

Tragrandspalte auf der Zehe, Sohlenansicht

Die Sohlenansicht beweist, dass der Huf tatsächlich schlanker geworden ist, und nicht nur der Tragrand beraspelt worden ist. Denn im Gegensatz zum Vorherbild der Sohle ist der Tragrand viel gleichmäßiger in seiner Krümmung und Stärke. Der Huf ist noch lange nicht wieder schön, aber man sieht, er ist auf einem guten Weg dorthin. Und in dem Maße, wie sich die Unregelmäßigkeiten und Fehlbelastungen bzw. Spannungen verringern, in dem Maße wird auch der Hornspalt verschwinden.

Grundsätzlich gibt es am Huf nichts, was es nicht gibt, jeder ist anders, jeder verhält sich auch anders. Hornspalten können an jeder Stelle auftreten, aber immer gibt es dafür Gründe. Und werden die Ursachen eliminiert, wächst der Hornspalt einfach heraus.