Das Hufgesicht

Der regelmäßige Huf

Es ist schwierig vom "gesunden" oder gar "idealen" Huf zu sprechen. Ein jeder Huf ist anders, wie auch jedes Pferd anders ist. Der Huf muss zur Zehe und zur Gliedmaße passen, die er trägt. Dennoch lassen sich Gemeinsamkeiten finden, an denen sich ein physiologisch einwandfrei geformter und auch "gesunder" Huf - gesund im Sinne von "frei von Erkrankungen" - erkennen lässt.
Ein einziges Pferd unter hunderten, die ich kenne, hat Hufe, von denen ich sagen könnte, es sind regelmäßige Hufe. Und nur einer der 4 Hufe ist in einem Zustand, der als beispielhaft bezeichnet werden kann. Nielson, so der Name des glücklichen Haflinger-Mix, hat es geschafft sich seine regelmäßigen Hufe, mit denen er auf die Welt gekommen ist, bis in das Alter von 7 Jahren zu erhalten, idealerweise hat er sogar einen unregelmäßig pigmentierten Huf, was den Verlauf der Hornröhrchen gut erkennen lässt. Und ich hatte das Glück, seine Hufe fotografieren zu dürfen. An seinem linken Hinterhuf möchte ich die wichtigsten Kriterien verdeutlichen, die in der gängigen veterinärmedizinischen Lehrmeinung, einen regelmäßigen Huf ausmachen (vgl. Dr. Hans - Dieter Körber, Hufkrankheiten; Geltingen 2006; Seite 25 f.). Sog. Futterringe, Stoffwechselringe, Wachstumsringe oder wie auch immer man sie bezeichnen mag und die Hornröhrchen erscheinen als ein Gitter um den Huf, hier blau verdeutlicht, welches sofort ein Bild davon gibt, ob der Huf gleichmäßig wächst und regelmäßig geformt ist. Sofort lassen sich Unregelmäßigkeiten erkennen und ungünstige Druck- oder Spannungsmomente lokalisieren. Dieses Gitter ist das von mir bezeichnete Hufgesicht (Nein, das ist nicht meine Erfindung, schon seit vielen hundert Jahren orientieren sich Leute daran, aber für diese Gitter habe ich nirgends in der Fachliteratur einen griffigen Namen gelesen, sondern immer nur umständliche Umschreibungen.)
Dass bei diesem Huf die Futterringe, ich bleibe einfach einmal bei diesem Ausdruck, so schlecht zu erkennen sind, liegt einfach daran, dass sie fast nicht da sind.

Dorsale Ansicht

Betrachtet man den Huf von vorne (dorsale Ansicht) so ist auf folgende Merkmale zu achten:

dorsale Ansicht eines fast regelmäßigen Hufes
  • Der Kronsaum ist eine gleichmäßige elastische Wulst von der Zehe bis zu den Trachten. An der Zehe ist er stärker gewölbt und breiter als an den Trachten.
  • Die gesamte Hornwand ist glatt und gestreckt, frei von Rissen, Zerreißungen, Hornerhebungen oder Vertiefungen. Stoffwechselbedingte Ringe verlaufen parallel zum Kronsaum, haben an jeder Stelle den gleichen Abstand zueinander, sind jeder für sich an jeder Stelle gleich stark ausgeprägt bis in die Eckstreben und sind an allen vier Hufen als identisches Muster zu finden, dann und nur dann sind sie physiologisch.
  • Das Saumhorn liegt auf der Hufwand etwa 1-2cm gleichmäßig und glatt auf, dann blättert es ab.
  • Die Seitenwände sind gerade vom Kronsaum bis zum Boden, haben die gleiche Neigung und die gleiche Höhe.
  • Die Hornröhrchen verlaufen quasi-parallel zueinander und sind an jeder Stelle gerade.

Laterale Ansicht

Von der Außenseite betrachtet (laterale Ansicht, von der Innenseite her wäre es die mediale Ansicht) zeigt sich folgendes Bild:

laterale Ansicht eines fast regelmäßigen Hufes

Neben den aus der dorsalen Ansicht schon erwähnten Punkten ist besonders auf folgende zu achten:

  • Der Kronsaum ist gerade oder verläuft in flachem, gleichmäßig geschwungenem Bogen von der Zehe zu den Ballen.
  • Die Hornröhrchen sind alle zueinander parallel von der Zehe bis zur Trachtenendkante.

Der erfahrene Hufbeobachter wird hier außerdem einwänden, dass dieser Huf zu flach ist, dass die Huf-Fessel-Achse gebrochen ist, und der Huf sich in einer Hyperextension befindet. Dem ist entgegen zu setzen, dass dem noch erfahreneren Hufbetrachter nicht entgangen ist, dass der Huf im Moment des Fotos nach hinten herausgestellt ist, der Schweif ist vor dem Röhrbein. Von daher kann auf diesem Foto die Huf-Fessel-Achse gar nicht beurteilt werden.

Soleare Ansicht

Betrachtet man die Sohle, so ist besonders auf diese Punkte zu achten:

soleare Ansicht eines fast regelmäßigen Hufes
  • Die Form des Hufes ist symmetrisch, beide Hälften sind gleich breit.
  • Der Tragrand (die Berührungsfläche der Hufwand mit dem Boden) ist überall gleich stark ausgeprägt, gleich breit, hat keine Unregelmäßigkeiten oder Ausbrüche.
  • Die Eckstreben sind gerade und zwängen den Strahl nicht ein. Sie Wachsen von der Trachtenendkante neben dem Strahl bis etwa zur Hälfte seiner Länge. Sie werden durch den Boden abgerieben und legen sich nicht auf die Sohle.
  • Die Blättchenschicht (sog. Weiße Linie) ist geschlossen bis zum Boden, überall gleich breit, hat überall die gleiche Färbung und stellt eine feste Verbindung von Wand und Sohle dar.
  • Die Sohle ist glatt, gleichmäßig gewölbt, frei von Huggeln, Tälern und Wülsten, sie darf am Rand, an der Blättchenschicht in der gleichen Breite der Hornwand bis zum Boden reichen.
  • Der Strahl ist trocken, symmetrisch, kräftig ausgeprägt und hat Bodenkontakt. Die Strahlfurchen sind gestreckt, gerade, offen und einsehbar, der Strahl hat keinerlei Risse oder Fetzen oder Taschen, er riecht nicht unangenehm.
  • Die Ballen sind gleich groß und durch eine flache Grube voneinander getrennt.

Auch wenn dieser Huf nicht wirklich allen hier aufgeführten Kriterien entspricht, beispielsweise zeigt er einen leichten Trachtenzwang, das Saumhorn ist rissig und der Strahl zeigt Ansätze von Fäulnis, kommt er einem regelmäßg geformten Huf sehr nahe. Falls jemand einen noch regelmäßigeren Huf kennt, ist er eingeladen diesen zu fotografieren und mir die Bilder zu mailen.
Besonders die Sohlenansicht zeigt, dass dieser Huf schon einige Wochen nicht bearbeitet worden ist. Ich glaube den regelmäßigen Huf gibt es, auch wenn ich noch keinen gesehen habe. Dabei ist es so leicht und einfach, die Kräfte, die den Huf formen, nämlich Hornabrieb, Bodendruck, und Beanspruchung durch das Laufen, so zu lenken, dass er sich langsam in die Richtung des regelmäßigen Hufes, als der er auf die Welt gekommen ist, zurück entwickelt. Nur darf nicht vergessen werden, dass es Jahre gedauert hat, bis der Huf vom Fohlen sich zu dem entwickelt hat, was er jetzt ist, anklagenswerter weise müsste gesagt werden, man ihn sich hat tatenlos entwickeln lassen.