Ralina - Hufkrebs oder nicht?

Bild von Ralina im April 2009

Ralina lernte ich im April 2009 kennen. Sie ist eine Dame von 24 Jahren. Hufkrebs, so die Diagnose, betroffen ist nur der linke Vorderhuf. In den vergangenen drei Jahren ist sie mehrfach in der Klinik gewesen, es wurde operiert, d.h. verändertes Horn wurde von den Lederhäuten entfernt, es wurde nachversorgt, gesalbt, verbunden. Es wurde versucht, den Huf möglichst steril zu halten, also täglich neu verbunden in einem Hufschuh zu stecken, ich kenne nicht die Entwicklung des Hufes in den letzten Jahren, Fotos gibt es keine, ich kenne nur den Zustand des Hufes im April, und der stellte sich so dar, wie im folgenden Bild festgehalten, und das rein aus Interesse, im April war Ralina noch nicht meine Kundin.

Linker Vorderhuf, Unterseite April 2009

Es offenbart sich der Zustand des Hufes. Der hintere Bereich sieht aus, wie durch den Mixer gedreht. Unglaublicherweise läuft die Dame. Sie wird zwar nicht geritten, an manchen Tagen jedoch tobt sie auf dem Reitplatz, und wird auch manchmal als Handpferd beim Schritt-Ausritt mitgenommen. Sie zeigt keine offensichtlichen Schmerzen, hat aber eine permanente Schonhaltung eingenommen, die sie ein wenig wackelig auf den Beinen erscheinen lässt.
Aber wenn ich versuche den Zustand des Hufes zu beschreiben, dann würde ich das folgendermaßen tun: Von Verformungen und Asymmetrien abgesehen, die hier das geringste Problem darstellen, erscheint die vordere Hälfte des Hufes wenig dramatisch. Aber in der hinteren Hälfte finden sich kaum erkennbare Strukturen. Egal ob Sohle, Strahl, Eckstreben oder Ballen, alles fühlt sich irgendwie weich und matschig an. Nichts ist fest, abgesehen von der Hornwand selbst, die ohne gestützt zu werden frei trägt.
Der bearbeitende Schmied hat offenbar kapituliert, und geäußert, er kümmere sich um die äußere Form der Hornkapsel, aber was die Erkrankung angehe, sei das in der Verantwortung eines Tierarztes oder eines Spezialisten.

Hufunterseite im Mai 2009

Das war der bis dahin schwärzeste Tag in meiner Tätigkeit als Hufbearbeiter. Im Unterschied zum April ist hier deutlich zu erkennen, dass sich die Hufsohle von hinten her völlig auflöst, und besonders in der inneren Hälfte gut zu erkennen, die Lederhäute frei liegen. Die weichen Hornstrukturen, also Strahl und Ballen sind zwar irgendwie noch mit Horn überzogen, aber auch das ist nur ein strukturloser Brei. Eckstreben sind keine zu finden. Zwei Dinge habe ich daraus geschlossen. Zum einen, und das ist die schlechte Nachricht, löst sich das Horn derart schnell auf, dass das Pferd, wenn dieser Prozess in diesem Tempo fortschreitet, in wenigen Wochen tot ist, weil es diesen Huf nicht mehr belasten kann (Der rechte Vorderhuf ist wegen einer Verkrüppelung durch einen Hufbeinbruch ebenfalls nur eingeschränkt nutzbar.) Zum anderen, weil das kein Hufkrebs sein kann. Hufkrebs ist die Hornwucherung einer entarteten Lederhaut. Das Horn des Hufkrebs ist zwar nicht stabil und belastbar, aber es ist da. Hier ist das Horn weg, weggegammelt, erst gar nicht ausgehärtet, aufgefressen von Bakterien, oder anderen Mikroben, oder von Pilzen zersetzt, oder was auch immer. Hufkrebs ist in meiner Erfahrung etwas anderes.

Was für ein surrealer Tag für mich. Statt einer verzweifelt um das Leben ihres Pferdes kämpfenden Besitzerin Mut zuzusprechen und mit möglichen Perspektiven Hoffnung zu machen, heule ich ihr die Ohren voll und lasse mich von ihr trösten.
Wir haben an diesem sonnigen Frühlingstag dagesessen und Ralina angesehen, sie hatte einen guten Tag, war mobil und aktiv. Was kann man für ihre Zukunft tun? Es wurde folgender Plan ersonnen. Ich würde mich mit meiner Vermutung einer Infektion rückversichern, indem ich die zahlreichen Fotos dieses Tages mehreren Leuten, die ich für kompetent halte, zeige und um Rat frage. Sollte sich das bestätigen, so würde die Besitzerin veranlassen, dass eine Probe des Hufhornes entnommen wird, und der Erreger bestimmt werden würde, und ein Mittel gefunden wird, ihn zu bekämpfen.
Das hat zwei Wochen gedauert. Die Rückmeldung der geballten Fachkompetenz, der mit mir bundesweit in Kontakt stehenden Huffachleute hat ergeben, dass das ganz Eindeutig eine schwere Infektion sei. Der Abstrich im Labor hat ergeben, dass es in diesem Huf einen aggressiven wenngleich seltenen Erreger gibt, gegen den ein Kraut, bzw. ein Antibiotikum gewachsen ist. Das wurde besorgt und äußerlich angewendet, in Abwechselung mit einem Desinfektionsmittel.

Ballen und Sohle im Juli 2009

Hier der Zustand des Hufes im Juli 2009. Strahl und Ballen nach wie vor katastrophal. Aber man sucht ja immer nach positiven Ergebnissen. Kann es sein, dass sich da in der inneren Hufhälfte ein stabiler Block an Sohlenhorn ausbildet?

Sohlenansicht im August 2009

Wieder ein Monat weiter. Ja, es bestätigt sich, eine feste Hufsohle hat sich gebildet, sie ist stabil und tragfähig. Der fortschreitende Auflösungsprozess ist spätestens ab diesem Zeitpunkt eindeutig umgekehrt. Auch andere Strukturen sind wieder eindeutig erkennbar. Der Strahl nimmt Formen an, Eckstreben sind erkennbar, und diese sind auch wieder fest und stabil. Bilder dieses Tages habe ich als Rückmeldung meinen mich damals beratenden und unterstützenden Huffachleuten gezeigt. Die Reaktion war gemischt, einerseits Freude, dass sich die Situation stabilisiert hat, andererseits Bedenken, dass sich ohne hygienische Unterbringung des Pferdes wohl keine Verbesserung mehr zeigen wird. Aber eine andere Art der Unterbringung des Pferdes ist mit der Besitzerin nicht verhandelbar. Sie will nicht mehr jeden Tag verbinden, geschweige denn, dieses Pferd von seinen Weidekumpeln trennen und in einem anderen Stall mit besseren hygienischen Bedingungen unterbringen. Meiner Meinung nach ist es eh verfehlt, einen Huf steril halten zu wollen. Das geht einfach nicht. Nebenbei reinigt Dreck nicht nur den Magen von kleinen Kindern, sondern auch Hufe. Desweiteren sorgt Sand von Paddock und Reitplatz für einen Abrieb nicht nur von Horn, sondern auch von anhaftenden Bakterienkulturen. Nun denn, so die Meinung meiner Kollegen, wird sich auch fortan kaum noch etwas tun, aber sei es drum, dieses alte Pferd hat die letzten Jahre damit leben können, sollte der Status quo erhalten bleiben, könne es ja auch noch weitere Jahre damit leben. - Na wartet ab, ihr habt noch nicht die aktuellen Bilder gesehn.

Sohle im Dezember 2009

Dezember 2009. Sehe ich hier wieder einen Huf? Ich meine, sehe ich hier wieder einen strukturierten Huf mit Sohle, Hufwand, Eckstreben, die zugegebenermaßen den kompletten Strahl umschließen? Sehe ich wieder einen ausgeformten Strahl?
Das Loch im äußeren Eckstrebenwinkel, unten im Bild, ist das Resultat eines aufgeschnittenen Hufgeschwüres, was dadurch verursacht wurde, dass sich Sohlenhorn über das Loch geknetet hat, und Bakterien eingeschlossen hat. Ein Problem könnte nun noch die innere Hufwand, hier oben im Bild, darstellen, weil auch dort sich noch Hohlräume bilden können, die Geschwüre und Abszesse auslösen können. Aber ich bitte euch alle, die ihr das lest, dieses Bild mit den Bildern aus dem April oder Mai zu vergleichen.

Sohle im Dezember 2009

Ich konnte es mir natürlich nicht verkneifen mit dem Messer in diesem Huf herumzuschnitzen, einfach um zu säubern und mir ein Bild davon zu machen, wie es um ihn bestellt ist. Ich bin positiv überrascht, dass sich die Anbindung von Hufwand zur Sohle zunehmend stabilisiert. Gammelige Stellen gibt es noch, auch ist es möglich, dass sie zu Problemen führen, jedoch denke ich, das ist ein feuchter Pfurtz im Vergleich zu dem, was dieses Pferd in den vergangen Jahren hat über sich ergehen lassen.


Update

04.10.10:
Sohle im Dezember 2009

Hier nun der Huf im Mai 2010. Der Huf ist wieder ein Huf, die Löcher scheinen dicht zu sein. Es sind keine weiteren Geschwüre auf Grund eingeschloßener Erreger mehr entstanden. Auch die Beule im hinteren Seitenwandbereich der Medialen Hufhälfte ist kleiner geworden.

Sohle im Dezember 2009

Natürlich habe ich wieder darin herumgekratzt, dies ist kein Bild vom fertig bearbeiteten Huf, sondern ein Bild nach säubernder Inaugenscheinnahme. Es zeigt, daß noch kleinere Zerreizungen in der Hufwand zu sehen sind, aber der Huf ist wieder brauchbar. Ich denke, der bestrittene Weg ist einer von mehreren möglichen richtigen.

An dieser Stelle meinen besonderen Dank an meine lieben kompetenten Kollegen und Hufbearbeiter, die meinen Verdacht, daß es sich nicht um den klaßischen Hufkrebs handelt, bestätigt haben. Ohne diese Information hätte ich dieses Pferd nicht als Kunden übernommen. Desweiteren meinen Dank an die Besitzerin, die es nicht aufgegeben hat, zu kämpfen, nach Lösungen zu suchen, Grenzen zu setzen, meinen Anweisungen zu folgen und sich täglich intensiv um Ralinas Hufe zu kümmern. Und natürlich auch danke ich Ralina selbst, an ihr durfte ich lernen, und mich weiter zu entwickeln, neue Erfahrungen zu machen und mich in Geduld zu üben.
Leider sind das wohl die letzten Bilder, die ich von Ralina zeigen werde, unsere Wege haben sich im Sommer 2010 getrennt. Ich weiß nicht, wie es ihr geht oder ob sie noch lebt. Wir sind beide ein Stück eines schwierigen Weges gemeinsam gegangen, haben voneinander gelernt, und uns gegenseitig etwas beigebracht, was wir wohl zu lernen hatten.